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Landwirtschaft als Produzent erneuerbarer Energie im ländlichen Raum: Chancen und Gefahren aus politischer Sicht

Vortrag im Rahmen der 21. Heiligenstadter Gespräche, Heiligenstadt 2008 und Ansbach 2009

Die Landwirtschaft trägt in nicht unerheblichem Maße zum Klimawandel bei und sie ist gleichzeitig betroffen von seinen Folgen.

Die wesentlichen Klimagasquellen in der Landwirtschaft sind Methan (CH4)-Emissionen aus der Tierhaltung (Verdauungsvorgänge bei Wiederkäuern) und aus der Behandlung von Wirtschaftsdüngern sowie die Lachgas (N2O)-Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Bö-den. Dazu kommt der Agrar-Diesel-verbrauch, d.h. die CO2-Emissionen durch landwirt-schaftliche Transporte, den Betrieb landwirtschaftlicher Maschinen usw.. Im Ergebnis verursachte die deutsche Landwirtschaft damit im Jahr 2006, ausgedrückt in CO2-Äquivalenten, 41 Mio. t N2O, 23 Mio. t CH4 sowie etwa 4 Mio. t CO2.
Die Landwirtschaft verursacht damit einen Anteil von ca. 7% am Gesamtausstoß von Treibhausgasen (THG) in Deutschland. Somit ist die Landwirtschaft immerhin drittgrößter Verursacher von THG-Emissionen, allerdings mit deutlichem Abstand hinter der Energiewirtschaft (ca. 81%) und der Industrie (ca. 11%) (Umweltbundesamt (2007).

Gleichzeitig ist die Landwirtschaft aber auch in erheblichem Ausmaß vom Klimawandel betroffen. Für Bayern werden beispielsweise tendenziell heißere und trocke-nere Sommer vorhergesagt. Die Regenmenge bleibt zwar in etwa gleich, verteilt sich aber anders über das Jahr. Extreme Witterungsereignisse nehmen zu und erhöhen die Risiken für den Pflanzenbau. Von der Landwirtschaft werden erhebliche Anpassungsleistungen an den Klimawandel verlangt werden.

Die Landwirtschaft verbraucht viel fossile Energie und ist in hohem Maße abhängig von der Erdölindustrie und den globalen Energiemärkten: Der über Jahrzehnte hinweg günstige Erdölpreis hat auch die Landwirtschaft anhängig von Erdölprodukten gemacht. Dies fängt beim Traktor an und hört beim Kunstdünger auf. Kunstdünger und Pestizide werden unter einem hohen Einsatz an Mineralöl erzeugt. Folglich steigen mit dem Erdölpreis auch die Mineraldüngerpreise. Dies ist mit einer der wichtigsten Gründe für den starken Anstieg der Nahrungsmittelpreise in den letzten Jahren.

Parallel dazu und auch als mittelbare Folge kommt die Problematik der Globalisierung hinzu. Die Landwirtschaft ist ein Wirtschaftsbereich unter Druck.

Die Verknappung des Erdöls und der Klimawandel machen Energiewende und Klimaschutzpolitik notwendig.

Dabei gilt der Dreiklang: Energie einsparen, Energie effizienter nutzen, erneuerbare Energien nutzen. In allen drei Bereichen kann und muss die Landwirtschaft viel beitragen. Der Fokus dieses Beitrags liegt jedoch beim dritten Punkt, weshalb im Folgenden nur auf diesen eingegangen wird.

Landwirtschaft als Produzent von Bioenergie

„Der Landwirt wird zum Energiewirt.“ Dieses Schlagwort ist seit geraumer Zeit in aller Munde. Allerdings bleibt dabei die landwirtschaftliche Produktion ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit des Landwirts. Im Übrigen waren Landwirte schon immer auch Energiewirte. Sie betrieben Waldwirtschaft zur Energiegewinnung aus dem Verbrennen des Holzes und sie produzierten Nahrungsmittel z.B. für Pferde und Ochsen, die diese wiederum in Bewegungsenergie umwandelten. Unter diesem Aspekt könnte auch die Diskussion um die Nutzung von Getreide in Biogasanlagen differenzierter geführt werden.

Der Landwirt ist also Energiewirt, aber er ist nicht nur Bioenergiewirt.
Hinzu kommt die Nutzung von Photovoltaik auf Dach-  und Freiflächen, die Nutzung von Windenergie auf landwirtschaftlichen Flächen mit nur geringen Nutzungseinschränkungen und die Nutzung der Wasserkraft in Mühlen und Kleinkraftwerken. Im Folgenden beschränkt sich die Betrachtung auf die Bioenergie im engeren Sinn: Holzenergie, Biogas und Biokraftstoffe.

Potential und Fakten

Abb. 1: Anteil der Bioenergie am Energieverbrauch in Deutschland 2007.
Agentur für Erneuerbare Energien e.V., 2008, „Der volle Durchblick in Sachen Bioenergie“.

Abb. 1 zeigt eindrucksvoll, welchen Anteil Bioenergien bereits heute am Gesamtenergieverbrauch haben. Eine sinnvolle Klimaschutzpolitik kann auf Bioenergie aus der Landwirtschaft nicht verzichten, wenn die Klimaschutzziele, zu denen sich die Bundesrepublik auf den internationalen Klimaschutzkonferenzen verpflichtet hat, erreicht werden sollen. Die Produktion von Bioenergie in der Landwirtschaft ist längst keine Frage des „ob“ mehr, sondern nur noch eine Frage des „wie“!

Chancen und Risiken

Die Produktion erneuerbarer Energien birgt große Chancen, es ergeben sich Synergieeffekte bzw. Mehrfachnutzen. Die Produktion von Bioenergie nutzt der Landwirtschaft, dem Klimaschutz, und der Volkswirtschaft (Investitionen, Arbeitsmarkt, Wertschöpfung). Die Chancen für den ländlichen Raum lassen sich mit drei Schlagworten umreißen: Regionalisierung von Wirtschaftskreisläufen und Wertschöpfungsketten, Dezentralisierung der Energieerzeugung und damit verbunden mehr Unabhängigkeit vom Oligopol und vom Weltmarkt und Diversifizierung der Produktionsbereiche in der Landwirtschaft zugunsten von mehr Flexibilität bei instabilen Marktlagen.

Energie- bzw. wirtschaftspolitisch birgt die Entwicklung auf dem Bioenergiesektor die Chance, den zentralisierten Energiemarkt in Deutschland aufzubrechen. Bislang war die Angebotsseite durch ein Anbieter-Oligopol geprägt ohne echte Konkurrenz. Erneuerbare Energien bieten die Chance, über eigenständige Regionalentwicklung endogen starre Grenzen zwischen Verbrauchern und Produzenten im Energiebereich zu durchbrechen.

Luick, Müller und Springorum führen in einem Beitrag zum kritischen Agrarbericht 2008 folgende positiven Effekte für den ländlichen Raum an:

  • Regionalisierung von Finanzströmen (Begrenzung des Kapitalflusses für den Energiekauf, Kapitalbereitstellung für unternehmerisches Investment, Kapitalerträge verbleiben regional und stehen dem Wirtschaftssystem wieder zur Verfügung)
  • Schaffung von Arbeitsplätzen v.a. im Mittelstand (Entwicklung und Bau von Anlagen, Service, Betrieb, Logistik und Verwaltung, Produktion von Biomasse).
  • Entstehung und Verstärkung sich selbst tragender regionaler Wertschöpfungsketten).
  • lokaler und regional positiver Imagefaktor für Kommunen und Investoren.
  • Reduktion des energiebezogenen Kaufkraftabflusses.
  • Erhöhung der Versorgungssicherheit mit dezentralen Netzstrukturen.
  • ein nicht zu unterschätzender pädagogischer Effekt: Die positive Verbindung von Nutzung und verantwortungsvollem Umgang mit Ressourcen, wenn Energie vor Ort erzeugt wird.

Damit diese positiven Effekte der Bioenergie vom Acker auch tatsächlich Wirkung entfalten können, müssen mögliche Fehlentwicklungen verhindert werden und Gefahren und Probleme erkannt werden. Diese liegen z.B. in Flächen- und Nutzungskonkurrenzen und entstehen insbesondere dann, wenn keine nachhaltige Landbewirtschaftung erfolgt. Fläche ist in Deutschland und insbesondere in Bayern ein knappes Gut. Die Flächenversiegelung durch Siedlung, Industrie und Straßen ist im Jahr 2007 wieder deutlich angestiegen auf 20 ha pro Tag. Die Landwirtschaft beklagt diesen Flächenverlust.

Der in 2008 von Weltbank und FAO vorgelegte Weltagrarbericht hat bestätigt, dass eine Umsteuerung in der Agrarpolitik grundsätzlich dringend erforderlich ist. Der Weltagrarrat fordert einen grundlegenden Wandel der globalen Landwirtschaft. Die industrielle Landwirtschaft mit Monokulturen, Massentierhaltung und dem Einsatz von Pestiziden und Agro-Gentechnik habe die Produktion in den letzten Jahrzehnten zwar deutlich gesteigert, „aber einfache Bauern, Arbeiter, ländliche Gemeinden und die Umwelt müssen weltweit den Preis dafür zahlen“. Darum fordern die Experten vor allem auch in Entwicklungsländern eine an die örtlichen Gegebenheiten angepasste Landnutzung in bäuerlichen Strukturen und die Verwendung traditioneller Saaten und Produktionsmethoden. Nur noch eine nachhaltige Landwirtschaft solle staatlich subventioniert werden. Diese Analyse muss auch in Bayern zu Konsequenzen für die Landwirtschaft und insbesondere für die Nahrungsmittelproduktion führen.

Ein weiterer Aspekt ist, dass Deutschland im internationalen Vergleich über zu wenig Schutzgebiete verfügt. Die Bundesrepublik hat sich daher zuletzt auf der UN-Naturschutzkonferenz in Bonn im Mai 2008 dazu verpflichtet, mehr Schutzgebiete ausweisen: Naturwaldreservate, Nationalparke und Biosphärenreservate.

Vor diesem Hintergrund sind Flächen- und Nutzungskonkurrenzen im Zusammenhang mit der Erzeugung von Bioenergie besonders kritisch zu sehen.

Beispiel Holzenergie

Mit der Holzenergie hat die Landwirtschaft die größte Erfahrung. Holz wurde in der Geschichte der Menschheit praktisch immer auch als Energieträger genutzt. Die Geschichte unserer Kulturlandschaft ist ein Zeugnis dessen, viele Ortsnamen gerade in Franken erzählen davon. Schließlich stammt der  Begriff Nachhaltigkeit aus der Forstwirtschaft. Mögliche Risiken einer Nutzung der erneuerbaren Energieform Holz sind also ebenfalls lange bekannt und haben sich in den letzten Jahrzehnten nicht grundsätzlich geändert. Hinzugekommen ist die Herausforderung Klimawandel, die für unsere Wälder Existenz bedrohend ist, wenn es nicht gelingt, das Ökosystem Wald auf die neuen Klimaverhältnisse einzustellen, also einen an den veränderten klimatischen Bedingungen orientierten Waldumbau umzusetzen.

Gefahren und Fehlentwicklungen können nicht nachhaltige Waldbewirtschaftung, zu große Heiz- und Kraftwerksanlagen, die lange Transportwege erfordern und die regionale Kreislaufwirtschaft durchbrechen, und Nutzungskonflikte mit Schutzgebieten sein.

Beispiel Biogas

Im Zusammenhang mit der Erzeugung von Biogas zeichnen sich verschiedene Konfliktfelder ab. Weil z.B. Mais in der Biogasnutzung eine besonders hohe Energieausbeute erbringt, erhöht sich sein flächenmäßiger Anteil gegenüber anderen Feldfrüchten. Dies kann zu einer Verengung der Fruchtfolgen führen.
Dies wiederum und die Konzentration auf einige wenige Fruchtarten führt zu einer Zunahme des Befallsrisikos durch Schädlinge und Krankheiten, was einen erhöhten Pestizideinsatz nach sich zieht. Es entstehen Flächen- und Nutzungskonkurrenzen mit dem Naturschutz. Nachwachsende Rohstoffe werden häufig auf Stilllegungsflächen angebaut. Diese Flächen gehen dadurch für integrierte Naturschutzziele verloren. Ein Verlust an biologischer Vielfalt ist die Folge. Wenn Maisanbau in Konkurrenz mit extensiv betriebener Weidewirtschaft tritt, geht artenreiches Grünland geht verloren. Dies bedroht wiederum die Existenz von Wiesenbrütern. Mit dem wachsenden Flächenanteil von Mais, der zunehmend auch auf suboptimalen Standorten angebaut wird, verschärft sich je nach Hangneigung und Bodenbeschaffenheit die Problematik der Bodenerosion mit ihren negativen Auswirkungen auf angrenzende Ökosysteme.

Abb. 2: Anbau nachwachsender Rohstoffe in Deutschland, Agentur für Erneuerbare Energien e.V. 2008.

Beispiel Biokraftstoffe

Biokraftstoffe sind für die Landwirtschaft besonders interessant. Sie können für den Antrieb von Motoren in Autos, Lkw, Schiffen oder auch Flugzeugen eingesetzt werden. Dafür stehen unterschiedliche Biokraftstoffe zur Verfügung wie Biodiesel, Pflanzenöl, Bioethanol, Biogas und in Zukunft auch synthetische Biokraftstoffe (so genannter BtL-Kraftstoff). Biokraftstoffe reduzieren die CO2-Emissionen im Verkehr. Die Bandbreite reicht dabei je nach Herstellung von einem Drittel bis hin zu über 100 Prozent weniger CO2 als von fossilen Kraftstoffen emittiert wird. Biokraftstoffe werden einen Teil des globalen Erdölverbrauchs ersetzen können. In Deutschland decken sie aktuell 7 Prozent des Kraftstoffbedarfs. Biokraftstoffe werden in Deutschland hauptsächlich mit heimischer Biomasse erzeugt (Agentur für Erneuerbare Energien e.V., 2008).

Abb. 3: Treibhausgasemissionen fossiler und Erneuerbarer Kraftstoffe, Agentur für Erneuerbare Energien e.V. 2008.

Hinsichtlich der Risiken sind die Biokraftstoffe auf der Anbauseite ähnlich zu bewerten wie Biogas. Wichtig ist, die Ökobilanz des jeweiligen Produkts im Auge zu behalten. Am Beispiel der Biokraftstoffe lässt sich sehr gut ablesen, wie wichtig die richtigen politischen Rahmenbedingungen sind. So wäre die Steuerfreiheit für biogene Reinkraftstoffe insbesondere für die Land- und Forstwirtschaft wichtig. Zum einen wird die Wertschöpfung in der Landwirtschaft verstärkt. Sie ist bei reinen Biokraftstoffen häufig höher als bei Beimischungen. Bei gesetzlichen Rahmenbedingungen, die allein auf Beimischungen setzen und damit Reinkraftstoffe vom Markt drängen, werden die nachgefragten Biokraftstoffe zudem vermehrt über den Weltmarkt bedient und die Wertschöpfung ins Ausland verlagert. Zum anderen wird der Einsatz von Biokraftstoffen in Landwirtschaftsmaschinen von entscheidender Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit der Betriebe sein. Da reine Biokraftstoffe im Gegensatz zu Mineralöl nicht zu den Wasser gefährdenden Stoffen gehören, können sie gerade im umweltsensiblen land- und forstwirtschaftlichen Bereich die ökologische Situation verbessern.

Forderungen für die Bioenergieerzeugung

Aus den beschriebenen Gefahren lassen sich konkrete Forderungen für Bioenergieerzeugung ableiten. Anlagen zur Erzeugung von Bioenergie müssen in ihrer Größe regional angepasst sein. Das Ziel sind dezentrale, an den lokal-regionalen Ressourcen ausgerichtete Energie-Mix-Lösungen, die vorrangig Rest- und Abfallstoffe verwerten. Die Verwendung von Biomasse in Kraftwerken, die sowohl Strom als auch Wärme erzeugen (KWK), muss Vorrang haben. Für den Anbau von Energiepflanzen gibt es bereits jetzt Modelle für eine ökologische Bewirtschaftung ohne Gentechnik
und mit entsprechenden Fruchtfolgen und Mischfruchtanbau wie z.B. Leindotter und Sommerweizen. Die Ökobilanz von der Produktion bis Verwertung der Bioenergie muss zwingend positiv sein.

Aufgaben der Politik

Es ist auch Aufgabe der Politik, Zielkonflikte zu erkennen und offen zu legen, um ausgewogene Kompromisslösungen zu finden. Für die Produktion erneuerbarer Energien müssen steuernde und stützende Rahmenbedingungen beibehalten bzw. geschaffen werden. Dazu gehören die Weiterführung der erfolgreichen Förderinstrumente, Planungssicherheit und die Entwicklung weiterer angepasster Markteinführungsinstrumente. Die Forschung im Bereich erneuerbare Energien muss gestärkt und besser gefördert werden. Es müssen regelmäßige Evaluationen der Maßnahmen und ein Monitoring der ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Langzeitwirkungen implementiert werden.
Verbunden mit dem weiteren Ausbau erneuerbarer Energien bleibt als gesellschaftliche Aufgabe, den Umgang mit Ressourcen grundsätzlich zu ändern: Dies muss auch Lebensstiländerungen nach sich ziehen, z.B. beim Konsum, in der Ernährung und in der Mobilität. Energieeinsparungs und – effizienzstrategien dürfen nicht vernachlässigt werden.


Literatur:

Agentur für Erneuerbare Energien e.V., 2008, „Der volle Durchblick in Sachen Bioenergie“, www.unendlich-viel-energie.de

Luick, R., Müller, B. und Springorum, J. (2008), „Erneuerbare Energien im ländlichen Raum“, in: AgrarBündnis e.V., Der kritische Agrarbericht 2008.

Umweltbundesamt (2007): „Nationaler Inventarbericht zum Deut-schen Treibhausgasinventar 1990-2005“. Climate Change 04/07.


















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